Plenum Tagung Urteilsbildung
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Urteilsbildung im Dialog

Interdisziplinäre Tagung des Projektes PROFJL2 in Jena
Plenum Tagung Urteilsbildung
Foto: Anna Schroll

Meldung vom: 29. September 2021, 16:12 Uhr

Im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung (Projekt PROFJL2) fand an der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 24.-26. September 2021 die Tagung „Urteilsbildung im Dialog: Interdisziplinäre Tagung zu Fragen urteilssensiblen Unterrichts statt. Ziel der Tagung war es, Forschende und Lehrende sowohl aus der Universität als auch aus der schulischen Praxis in einen interdisziplinären Dialog über didaktisch-methodische Möglichkeiten und Herausforderungen von Urteilsbildung im Unterricht zu bringen.

Die Schulung der Urteilsfähigkeit ist ein zentrales Ziel von Unterricht. Urteilsbildung kann als Fähigkeit bezeichnet werden, sich in einer Welt mit vielfältigen Werten und Wertmaßstäben orientieren zu können, diese zu verstehen, sie kritisch zu hinterfragen und sich schließlich selbst ein Urteil zu bilden. Fächerübergreifend stellt sich daher in den Didaktiken die Frage, wie Unterricht die SchülerInnen dazu befähigt, eigenständig, reflektiert und souverän Urteile zu fällen. Um diese Fragen zu diskutieren, trafen sich vom 24. – 26.9.2021 mehr als 60 WissenschaftlerInnen und LehrerInnen aus ganz Deutschland an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU). Organisiert wurde die interdisziplinäre Tagung von Peter Starke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Lehrerbildung und Joe Bornträger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Politikdidaktik.

Prof. Anke John stellt an einem Beispiel aus der NS-Diktatur und der Nachkriegszeit dar, wie sich Normen und Werte im Laufe der Zeit änderten und diskutierte Implikationen für die historische Urteilsbildung im Unterricht. Prof. Anke John stellt an einem Beispiel aus der NS-Diktatur und der Nachkriegszeit dar, wie sich Normen und Werte im Laufe der Zeit änderten und diskutierte Implikationen für die historische Urteilsbildung im Unterricht. Foto: Anna Schroll

Nach der Begrüßung aller TeilnehmerInnen am Freitag durch die Organisatoren konnten die ZuhörerInnen mit der ersten Keynote von Prof. Dr. Anke John, Geschichtsdidaktikerin an der FSU Jena, tief in die Perspektive auf historische Urteilsbildungsprozesse einsteigen. Am Beispiel der gewaltsamen Zerstörung eines jüdischen Geschäftes in der Reichsprogromnacht 1938 zeigte sie anschaulich, wie die Veränderung und Außerkraftsetzung von Normen und Werten mit der Etablierung des NS-Diktatur und der Verfolgung so genannter „Gemeinschaftsfremder“ zusammenhingen. Der Wertewandel wurde darüber hinaus an dem späteren Entnazifizierungsverfahren in diesem Fall deutlich. Wurden 1938 Solidarität und Mitgefühl mit dem jüdischen Ladenbesitzer denunziert, wurde nach 1945 die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung angeklagt, die die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden gutgeheißen hatte und Kritiker der NS-Politik angezeigt hatte. „Diesen Wertewandel in der Geschichte herauszuarbeiten, hilft Lernenden zu einem eigenen historischen Urteil zu kommen, das letztlich auch den Umgang mit Normen und Werte heute betrifft. Ein urteilssensibler Geschichtsunterricht erfüllt daher immer auch eine orientierende Funktion für die Gegenwart“, betont Prof. Anke John.

In verschiedenen Workshops stiegen die Teilnehmer in differenzierte Aspekte von Urteilsbildung ein. In verschiedenen Workshops stiegen die Teilnehmer in differenzierte Aspekte von Urteilsbildung ein. Foto: Anna Schroll

In den folgenden zweieinhalb Tagen beschäftigen sich die Teilnehmer in Vorträgen, Workshops und Posterpräsentationen mit den unterschiedlichsten Aspekten von Urteilsbildung im Unterricht. Individuelle und moralische Urteilsbildung standen genauso auf dem Programm wie Urteile in den sozialen Medien, Selbstwirksamkeit und Engagement oder Urteilsbildung in den unterschiedlichsten Fächern wie z.B. Geschichte, Geografie, Politik, Religion, Ethik oder Biologie. Die Frage nach dem Verhältnis von Emotionen und politischer Urteilskraft wurde von Dr. Hendrik Schröder (Universität Bremen) im Keynote-Vortrag am Samstag adressiert: Gemeinsam mit den ZuhörerInnen begab er sich auf eine epistemologische Spurensuche und stellte dar, welche Rolle Emotionen in verschiedenen Phasen der Urteilsbildung spielen. Am Sonntag schließlich fragte Prof. Dr. Christian Thein (WWU Münster) nach der Bedeutung des Kontroversitätsgebot für urteilsbildenden Unterricht: Welche Themen, Fragestellungen und Gegenstände sollen und können kontrovers unterrichtet werden, und welche nicht? Diese Fragestellung wurden anschließend in Hinblick auf Konflikte und Krisendiagnosen der Demokratie von anderen Vortragenden vertieft.

Besonders spannend wurde die Tagung durch die heterogene und interdisziplinäre Zusammensetzung der TeilnehmerInnen. So waren nicht nur Forschende und Lehrende von Hochschulen aus ganz Deutschland gekommen. Auch Lehrende von Schulen und Fachseminaren diskutierten theoretische Konzepte, empirische Befunde und methodische Unterrichtsvorschläge als Best-Practice-Beispiele zu urteilssensiblem Unterricht. „Am Ende dient die Fähigkeit, sich ein fundiertes und differenziertes Urteil über Ereignisse, Personen und deren Handeln zu bilden, der Demokratiefähigkeit der Schülerinnen und Schüler“, betont Joe Bornträger. Peter Starke ergänzt: „Hierfür müssen wir jedoch didaktische Formate finden, die es den SchülerInnen ermöglichen, ihre Urteilsmaßstäbe zur Darstellung zu bringen und gemeinsam mit anderen in einen lebendigen Dialog zu treten.”

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